Die hohe Aufmerksamkeit in literarisch interessierten Kreisen, die Rilke aus Anlass seines 150sten Geburtstags erfahren hat, mag manche überrascht haben. Nicht nur zwei bemerkenswerte Biographien haben den Dichter und sein Werk neu beleuchtet, auch renommierte literarisch-philosophisch ausgerichtete Fach-Verlage haben einen Rilke-Schwerpunkt gesetzt. So auch der Basler Schwabe-Verlag, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1488 zurückreichen, und der sich somit als weltweit ältestes Verlagshaus bezeichnen kann.
In den beiden Rilke-Jubiläumsjahren 2025 und 2026 legt das Verlagshaus eine Reihe mit sechs teils schmalen Büchern auf, die alte Werke in neuem Licht oder innovative Aspekte zu Rilke darlegen. Vier dieser Bücher werden von Prof. Erich Unglaub, dem langjährigen Vorsitzenden der Rilke-Gesellschaft, Mitherausgeber der „Blätter der Rilke-Gesellschaft“ und einer der profiliertesten Rilke-Kenner überhaupt, herausgegeben, zwei davon gemeinsam mit mir.
Verborgene Facetten Rilkes
Die Möglichkeit, an der Seite von Prof. Unglaub verborgenen Facetten zur Wahrnehmung Rilkes nachzuempfinden, empfinde ich als großes Privileg. Die Zusammenarbeit mit ihm kam folgenderweise zustande: mein Urgroßvater, Franz Wunder, hatte 1898 noch in Göttingen einen Verlag gegründet, der später nach Berlin umsiedelte. Durch gute Kontakte zum Nietzsche-Archiv in Weimar, noch zu Lebzeiten Nietzsches, in die junge Literaturszene der Aufbruchszeit um die Jahrhundertwende und zu namhaften Übersetzern u.a. von Ibsen- und später Tolstoj-Werken, gelang es ihm in wenigen Jahren ein respektables Verlagshaus im Zentrum Berlins, dem Hansaviertel, aufzubauen.
Durch eine zeitweilige Verlagsgemeinschaft mit dem Verleger Georg Heinrich Meyer gelangten über Umwege die Verlagsrechte an Rilkes frühem Werk „Mir zur Feier“ (MzF) in seinen Besitz. Die Begleitumstände hierzu sind aus Rilkes Korrespondenz nachzuvollziehen. Franz Wunder verstarb jung im Jahr 1908, seine erfolgreiche Verlagstätigkeit währte nur ein Jahrzehnt. Die Verlagsleitung ging an seine Frau Tilli Wunder, meine Ur-Großmutter, zu der Zeit die einzige weibliche Verlegerin in Berlin. Tilli Wunder hat ihren Mann um viele Jahrzehnte überlebt, wurde 97 Jahre alt und verbrachte ihren Lebensabend bis zu ihrem Tod in meinem Elternhaus in Neu-Ulm. Die Erinnerung an sie – eine faszinierende Frau, ich habe sie bis ins 18. Lebensjahr erlebt – ist gegenwärtig, ihr Einfluss auf mich spürbar.
Rilke-Verbindungen nach Ulm
Seit mir meine berufliche Tätigkeit mehr Zeit lässt, verfolge ich das Anliegen, der Verbindungen Franz Wunders zu Rilke nachzuspüren und die Rolle von Tilli Wunder im Verlag zu ergründen.
Durch den freundschaftlichen Kontakt zu Prof. Renate Breuninger war mir bekannt, dass sie über Rilke promoviert hatte und in der Rilke-Gesellschaft aktiv war. Meine Anfrage an sie, nach einer Möglichkeit mein lückenhaftes Material zur Verbindung des Wunder-Verlags zu Rilke zu schließen, leitete sie an Prof. Unglaub weiter, der alsbald mitteilte, dass er „nur wenige Ergebnisse“ habe ausfindig machen können. Die von ihm dargestellten Fakten waren aber genau diejenigen, die für mich wichtig waren, um mein von familiärem Wissen geprägtes Bild, zu vervollständigen. Insbesondere wurde mir deutlich, dass es bereits meine Ur-Großmutter war, die im Herbst 1908 die Verhandlungen mit dem Verleger Anton Kippenberg geführt hat. Diese führten letztlich zum Verkauf der Verlagsrechte und dem Erwerb der Restbestände von Rilkes „Mir zur Feier“ an den Insel- Verlag. Das Werk wurde allerdings im Insel-Verlag nicht neu aufgelegt, die Restbestände vermutlich vernichtet.
Mein schriftlich geäußerter Dank an Herrn Erich Unglaub und die Darstellung meiner nun weitgehend schlüssigen Verlagsgeschichte zum Rilke-Werk sind offensichtlich bei ihm auf Interesse gestoßen, sodass wir in gemeinsamer Abstimmung einen Beitrag zur Verlagsgeschichte von MzF für die „Blätter der Rilke-Gesellschaft“ verfasst haben und gemeinsam im Jubiläumsjahr 2025 im Schwabe-Verlag eine Neuauflage der Ursprungsversion von MzF mit den Illustrationen von Heinrich Vogeler herausgegeben konnten. Nicht zuletzt durch die Unterstützung der Rilke-Gesellschaft, die jedem Mitglied als Jubiläumsgabe 2025 ein Exemplar des Buches zukommen hat lassen, war dies möglich geworden.
Heute können wir uns freuen, dass die Jubiläumsaktion im Jahr 2026 eine Fortsetzung findet: wieder werden Prof. Unglaub und ich ein weiteres, für das Verstehen Rainer Maria Rilkes hilfreiches Werk, den Briefwechsel „Rainer Maria Rilke – Charlotte Hepner“ herausgeben, wieder wird die Rilke-Gesellschaft die Veröffentlichung unterstützen und dadurch erneut eine Publikation im Basler Schwabe-Verlag ermöglichen.
Lag bei der Kooperation mit Erich Unglaub anlässlich der Herausgabe von MzF der Fokus auf der Wiederentdeckung eines alten Werkes, so liegt beim „Briefwechsel“ das Augenmerk auf der Recherche weniger bekannter Aspekte, der Haltung Rilkes im Jahr 1915 zum 1. Weltkrieg und Ausführungen zu Leo Tolstoj, dem bewunderten Dichter, aber auch kämpfenden Soldaten.
Im Buch vorgestellt werden ferner einer in Ulm geborenen Geliebten gewidmeten Gedichte.
Der Abend in der Museumsgesellschaft (und möglicherweise eine Folgeveranstaltung an gleichem Ort im kommenden Jahr) soll auch dazu beitragen, Rilkes Dichtung in nicht unbedeutenden Details neu zu sehen. Die wenigen von uns beleuchteten Facetten zu Werk und Person Rilkes bieten Ansatzpunkte, Rilke als einen für unsere Zeit aktuellen großen Dichter wahrzunehmen, ein wesentliches Ziel unserer Tätigkeit als Herausgeber.
Gerhard Mayer, Ulm







